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Abschied – wie geht das eigentlich?

Am leichtesten fällt mir ein Abschied mit der Gewissheit auf ein Wiedersehen – bei einem „Auf Wiedersehen“ oder einem „Adieu“ (wörtlich: bei Gott).

Schwerer ist es, wenn ein Wiedersehen nicht so gewiss ist.

Da zu meinem idealen Umfeld auch geklärte Beziehungen gehören, ist es für mich am schwierigsten zu gehen bzw. jemanden gehen zu lassen (Beerdigungen!), wenn Dinge unausgesprochen geblieben sind.

Ein guter Abschied ist für mich also wesentlich damit verbunden, ob die Beziehungen geklärt sind – dass man sich direkt in die Augen sehen und mit einem Lächeln gehen kann. Dann schmerzt der Abschied auf positive Weise.

Solche Abschiede hatte ich die letzten Tage und Wochen – mit meinem Hauskreis, den ich sehr lieb gewonnen habe, mit meiner (ehemaligen) Mädels-Kleingruppe, die mich seit mehr als 10 Jahren begleitet, mit meinem Pais-Team aus dem Büro und vielen anderen lieben Menschen, die ich noch einmal bei MyCoffee (dem Café für Junge Erwachsene in der Gemeinde Großenaspe) getroffen habe.

Dabei hilft es mir, alles seinen gewohnten Gang gehen zu lassen, die Zeit bewusst zu genießen, im Hier und Jetzt zu sein, Menschen, Beziehungen und Gelegenheiten noch einmal bewusst ‚wahrzunehmen‘ – wenn einfach alles so ist, wie es immer ist bzw. sein sollte.

Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! (Römer 12,18

In Unfrieden, Unvergebenheit und Bitterkeit zu gehen, verdirbt jeden Abschied.

Mein großes Ziel seitdem ich aus England zurück bin und seitdem wir entschieden haben, nach Amerika zu gehen, war es deshalb, alle Beziehungen – soweit es mir möglich ist – zu klären, damit ich ohne Groll gehen kann.

Das ist mir zu 99% gelungen, würde ich sagen. Vielleicht lässt sich der Rest noch am letzten Tag klären.

Was mir bei Abschieden auch hilft, ist zu wissen, dass die Welt sich auch ohne mich weiterdreht, Gott alles in der Hand hält und unter Kontrolle hat – und ich in (guter) Erinnerung bleibe.

(Die Rückkehr fällt mir allerdings ganz schön schwer, wenn sich die Welt weitergedreht hat und ich einen neuen Platz für mich finden muss: wenn mein ‚Status‘ auf ‚Gast‘ oder ‚Wiederkehrer‘ steht und nicht mehr auf ‚Urgestein‘… So habe ich das jedenfalls nach der Rückkehr aus Amerika und England erlebt die letzten Male. Aber dieses Kapitel steht für uns ja noch aus; wir haben noch genug Zeit für die Vorbereitung darauf.)

Jetzt heißt es aber erst einmal den letzten Tag genießen, die Koffer zuende packen und wiegen, alles sauber und ordentlich hinterlassen, Schwiegereltern und Eltern verabschieden und dann früh zu Bett. Morgen klingelt der Wecker um 2 Uhr.

Mental stelle ich mich noch darauf ein, dass es nicht nur darum geht, dass ich Jan endlich wiedersehe und ein neuer Abschnitt in unserem Leben beginnt, sondern auch darum, dass ich mein Leben (Alltag, Gewohnheiten usw.) in dieser neuen Kultur und Umgebung gestalte. Zwar sind wir als Ehepaar dort, aber ich brauche noch immer meine eigenen ‚Standbeine‘ (Freunde, Interessen, Hobbies, Vorlieben usw.); und sei es auch nur in kleinen Sachen (ein neuer Frisör, der mit meinen Locken umgehen kann, das beste Eis, das sauberste und günstigste Schwimmbad usw.).

Gleichzeitig geht es für mich auch darum, mich mit alten Erlebnissen aus Amerika zu versöhnen und sie nicht auf diese neue Situation und die neuen Beziehungen zu projizieren; denn damals ist der Abschied nicht so gelungen.