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Frösche sagen ribbit – nicht quak (das weiß doch jede Dreijährige). Und Brot schmeckt natürlich süß – es muss ja viel Zucker enthalten, damit die Hefe arbeiten kann. An roten Ampeln darf man generell gleich rechts abbiegen, wenn man vorher kurz stoppt, um sicherzugehen, dass kein anderes Auto kommt. Aber dass man bei Starbucks keine kleine heiße Schokolade bekommt, sondern zwischen tall (355 ml), grande (470 ml) und venti (592 ml) auswählen muss, das weiß doch nun wirklich jeder. (Außer man entdeckt doch irgendwo die Variante short, d.h. 237 ml.)
Wie viel Prozent Steuern werden an der Kasse dazugerechnet? Wie war aber noch mal das englische Wort für ‚rechte Maschen‘ beim Stricken? Und wie nennt man einen Pfannenwender? Zieht man sich im öffentlichen Schwimmbad vor den Schließfächern um oder geht man dafür angemessener Weise doch ins Behinderten-WC oder hinter den Duschvorhang? Und wie unterscheidet man am besten die älteren Gemeindemitglieder mit ihrer weißen Einheitsdauerwelle?

Gewohnter Alltag. ‚Normalität’. Handlungssicherheit. Das ist erst einmal gestrichen. Alles ist neu. Alles ist anders.

I don’t know what I like; I like what I know.

Da können kleine Dinge, wie das Bestellen im Restaurant, auch kurz zur Überforderung werden; es sei denn, man stellt sein Essen einfach aus dem zusammen, was man kennt – ob es nun in dieser Kombination auf der Karte steht oder nicht. Die Amis sind sowieso offen für Extrawünsche (wo sonst kann man ganz selbstverständlich seine heiße Schokolade mit Vollmilch, nonfat milk, 2% Fett-Milch oder Sojamilch bestellen?).

Mir wird wieder einmal bewusst, wie sehr das Gewohnte zu meiner Komfortzone gehört. Die Kehrseite der Medaillie: Wenn ich mich lange genug an etwas gewöhnt habe, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich es mag – z.B. Mais oder Chips mit Essig. (Meine Gastmutter würde sagen: It’s an acquired taste.) – Also: Kommt Zeit, kommt Rat.

Eine meiner Strategien lautete von Anfang an: nicht nach einem Ersatz für das Gewohnte suchen, sondern das Neue kennenlernen und herausfinden, was davon ich (nicht) mag. — In meiner S.O.S.-Box landeten dann trotzdem die Sachen, die ich kenne und von denen ich deswegen weiß, dass ich sie mag (wer will schon eine Erkältung ohne WickVaporub überstehen – es sei denn, er kennt das nicht anders?).

Kultur ist eine Ansammlung von Überlebensstrategien – in Hinblick auf die Umwelt und das Miteinander. Deswegen: andere Länder – andere Sitten.

Da Amerika geschichtlich gesehen und auch aktuell noch ein ‚Schmelztigel der Nationen‘ ist, gibt es hier wenig ‚richtig und falsch‘, vielmehr wird die Andersartigkeit / Verschiedenheit gefeiert (was natürlich nicht heißen muss, dass das eigene Gewohnte nicht über das andere, Ungewohnte gestellt wird – ein wenig Abgrenzung muss dann doch sein, vor allem was die Dogmen der Kirchengemeinde anbelangt) und gleichzeitig wird Wert auf Einheit gelegt (z.B. kann man leicht aufzählen, welcher Nationalität die Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw. entstammen, um dann zu schlussfolgern, dass man auch deutsch sei – wenn auch nur zu einem Achtel; aber das reicht doch für eine Gemeinsamkeit).

Amerika fordert mich dazu heraus, aus meiner Komfortzone zu treten, meine Kategorien von ‚richtig und falsch‘ abzulegen, herauszufinden, was ich (nicht) mag und das ehrlich und dennoch diplomatisch zu kommunizieren.

Richtig verstanden hat man eine andere Kultur wohl erst dann, wenn man nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihren Humor sprechen kann.