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Als ich nach dem 15.12. (erste Abgabefrist in diesem Semester) aus dem Uni-Stress wieder aufgetaucht bin, stand ein Krisengespräch mit der Gastfamilie an, die uns verkündete, dass sie eigentlich gar nicht Gastfamilie sein wollte und will. Da für Jan und mich sowieso die Entscheidung ansteht, ob wir längere Zeit hier in Texas bleiben, haben wir uns darauf geeinigt, dass wir nach einem Apartment Ausschau halten oder einer anderen Unterkunft – aber alles ganz in Ruhe.

Wenige Tage vor Weihnachten wendete sich dann das Blatt und wir sind holterdiepolter innerhalb von 2 Stunden ausgezogen und ins Hotel gefahren, um die Lage zu entspannen – es fühlte sich an wie ein ‘einvernehmlicher Rausschmiss’. Die Stimmung war so weihnachtlich wie unsere 4 Grablichter, die den Adventskranz ersetzen.

Nach ein paar erholsamen Nächten in einem gefühlt doppelt so großen Bett und definitiv doppelt so großen Zimmer waren wir an Heiligabend erst einmal ‘obdachlos’, sodass wir unsere Weihnachtsgespräche mit unseren Familien über Skype in den nächsten Starbucks verlagert haben. So weit, so gut.

Nach dem Heiligabend-Gottesdienst, der in der Tat sehr weihnachtlich und feierlich war, sind wir dann bei einer alten Dame aus der Gemeinde (Ms. Jane) untergekommen. Wir wohnen nun also zwischen 50er-Jahre Coca Cola-Werbung, Porzellankatzen, viel Blümchen, Rüschchen und Nippes und hatten am Weihnachtstag tatsächlich eine sehr nette Zeit bei einer Familie aus der Gemeinde, die Ms. Jane und uns sowie andere Nicht-Verwandte eingeladen hatte, mit ihnen das Weihnachtsessen zu teilen.

Kaum wieder zuhause angekommen, stand der Hummer der Nachbarn vor der Tür und wir verbrachten die nächsten Stunden mit wildfremden Leuten (inkl. Einladung ins Restaurant mit tollem Buffet, Tour durch ihr riesiges Haus und stundenlange Gespräche im Wohnzimmer), mit denen wir nur durch drei Tatsachen verbunden sind: wir kennen Ms. Jane, wir sind Christen und das Ehepaar hatte vor Jahren einen deutschen Austauschschüler aus der Nähe von Hamburg.

Tja, das ist Amerika – oder sagen wir mal: Texas. Nachbarschaft, Gastfreundschaft und Nächstenliebe werden hier in der Tat nicht nur groß geschrieben, sondern auch im Alltag gelebt. – Wir waren mindestens genauso verdutzt, wie das Gesicht des Sohnes, der am Weihnachtstag kurz bei seinen Eltern ins Wohnzimmer schneite und dort seine Eltern mit zwei fremden Leuten ins Gespräch vertieft vorfand.

Es war also ein ‘anderes’ Weihnachten – und wenn der Amerikaner sagt “That’s different”, dann heißt das nicht unbedingt, dass er es mag. Es ist nicht schön, kurz vor Weihnachten zu hören, dass eigentlich ‘kein Platz’ für uns da ist. Aber es ist genauso erstaunlich, dadurch überrascht zu werden, dass sich so viele neue ‘Plätze’ öffnen. Wenn ich es mir wünschen kann, bevorzuge ich doch, dass dieses Jahr nicht zur Tradition wird; aber so ein ‘anderes’ Weihnachten – ohne eingespielte Traditionen und Routinen und bekannte Gesichter – bringt uns auch dem ‘eigentlichen’ Weihnachten ein Stück näher.

Ein hochschwangerer Teenager mit ihrem Verlobten – auf einem Esel – in einer fremden Gegend – keine Unterkunft, nur eine Felshöhle, in der Tiere Unterschlupf finden – Grabtücher, die sich nicht um die toten Leiber der auf dem Weg verstorbenen Wanderer oder einer im Kindbett verstorbenen Mutter legen, sondern sich um ein Neugeborenes schlagen, sein Schicksal und seinen Tod vorausahnend. Auch Maria und Josef hatten keinen Platz – und in diese Situation wurde die Hoffnung, das Licht der Welt hineingeboren. – Was also hat uns dieses Weihnachten gebracht? Viele letztlich bedeutungslose Geschenke (für uns leicht daran zu messen, was am Ende unserer Zeit in den Koffer darf bzw. was es wert ist, die Portokosten dafür zu tragen)? Oder lassen wir uns von Gott beschenken?

Zeit zur Besinnung hatte ich nicht so viel – dafür wollten Jan und ich heute eigentlich unsere Urlaubsfahrt an die mexikanische Grenze antreten; doch da die Wohnung dort unserer ‘erweiterten’ Ex-Gastfamilie gehört, hat sich diese Option zerschlagen. Wir hoffen also, dass sich eine neue Tür öffnet. Ich kann ein bisschen Abstand und Ruhe zu dem ganzen Durcheinander hier gebrauchen – einen Platz für mich. Dann werde ich auch die Ruhe haben, entscheiden zu können, ob ich bereit bin weitere Jahre hier zu investieren oder ob der Ruf zurück nach Deutschland stärker ist. Letztlich kommt es aber ja doch darauf an, wer uns ruft.

Denn meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie; und sie folgen mir (Johannes 10, 27)