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Angekommen.

Die Landung war schaukelig, der Flug lang (nein, die 30 Minuten Schlaf haben leider keine 6 Flugstunden totgeschlagen; Spielfilm Nr. 1 und Nr. 2 helfen da schon deutlich weiter) und die Wahl zwischen chicken or pasta war dieselbe – mit dem feinen Unterschied, dass es nicht Lasagne, sondern vegetarische Tortellini gab. In 10.000 Meter Höhe schmeckt sowieso alles anders. Ich hatte mich trotzdem auf die Lasagne gefreut. 10 Tortellini sehen so überschaubar aus. Den Magen füllen sie trotzdem.

Am Zoll gab es keine Probleme; Laptop und Handy musste ich tatsächlich einmal anschalten, um dem nuschelnden und notorisch flüsternden Beamten in Amsterdam zu beweisen, dass es sich nicht um Attrappen handelt; der Beamte der Einwanderungsbehöre in Dallas hat mir trotz sichtlicher Zweifel eine Aufenthaltsgenehmigung bis 01.09.2015 ausgestellt und meine beiden Koffer haben die Reise unbeschadet überstanden. (Mein Aufgabegepäck war 2kg unter dem Limit; dafür zählte mein Rucksack nicht als personal item, sodass die Frau am Schalter in Hamburg mit strengem Blick ein Auge zugedrückt hat – unter der Bedingung, dass ich 2kg aus meinem Handgepäck ins Aufgabegepäck transferiere und der Handgepäckkoffer aufgegeben wird. So mussten zwar ein paar Dinge in Deutschland bleiben und die Kamera mit einem Platz im Flugzeugbauch vorlieb nehmen, aber ich habe mir 70€ gespart…)

Einiges hat sich nicht verändert: Die Autos sind noch immer groß und teuer, der Kraftstoff wesentlich günstiger und die Wege von Laden zu Laden im klimatisierten Auto deutlich bequemer – vorausgesetzt, man fährt nicht nur um die Ecke; da reicht die Zeit nicht aus, um die Temparatur des Wageninneren von den draußen vorherrschenden 102°F auf angenehmere 60°F herunterzukühlen. Nicht ohne Grund warnt die Polizei davor, Kinder und/oder Haustiere nicht im Auto zurückzulassen. Und nicht ohne Grund sieht man auch Autos mit laufendem Motor auf dem Parkplatz stehen.

Das ist mein sechster Amerika-Aufenthalt, sodass ich mich über einige Sachen nicht mehr wundere; einige sind dennoch neu oder anders – Amerika ist groß und in sich durchaus verschieden, von der Mentalität, dem Klima und den Kulturen. Pennsylvania und New York sind nicht Texas.

Kulturen ist ein gutes Stichwort, denn Jan und ich sind nicht die einzigen expatriates in diesem Haushalt: Unsere Gastmutter hat die ersten 16 Jahre ihres Lebens auf einer Insel vor der Küste von Honduras verbracht und weiß, wie es ist, sich in die amerikanische Kultur einzuleben und mit Amerikanern zusammenzuleben (z.B. mit ihrem Mann).

Ihr Akzent ist sehr liebenswert und ich finde es besonders schön, wie sich immer wieder urplötzlich spanische Worte in alles einmischen oder das Englische ersetzen. So fühlt es sich viel natürlicher an, mit Jan vereinzelt auch mal ein deutsches Wort zu wechseln. — Unser Schlafzimmer (wir haben ein Schlafzimmer und ein kleines Bad, die uns vorbehalten sind) wurde zur ‚deutschen Zone‘ erklärt; außerhalb dieser vier Wände (und dem Mini-Van, den wir von einer Familie aus der Gemeinde gestellt bekommen haben) sprechen wir ausschließlich Englisch miteinander.

Die 7 Stunden Zeitverschiebung habe ich inzwischen gut ausgeglichen (hilft beim frühen Aufstehen!) und so langsam werden Jan und ich uns nachts auch mit der ‚Decke‘ einig (Decken in unserem Sinne gibt es ja nicht, sondern ein dünnes Laken, das im wesentlichen dafür sorgt, dass man bei Ventilator und Klimaanlage nicht friert).

Die vier letzten Tage haben wir ein wenig die Gegend erkundet, waren in verschiedenen Geschäften (z.B. bei der amerikanischen Version von ALDI), im Kino (Guardians of the Galaxy – die haben abgefahren gemütliche Ledersessel, die man per Tastendruck in eine bequeme Liegeposition bringen kann), bei Starbucks und haben die Sportmöglichkeiten der Gegend erkundet (z.B. das mir noch immer etwas suspekte YMCA – The Village People haben da echt einen Schaden angerichtet).

Da unsere Gastschwester personal trainer ist und alle in dieser Familie ihre Kalorien zählen oder bestimmte Diät-Pläne einhalten, fühle ich mich fast wie das schwarze Schaf, das Schokolade, Orangensaft, Butter und Poptarts (die übrigens trotz eines ihrer Hauptbestandteile, Zucker, als Quelle für Vitamine und Mineralien angepriesen werden) in den Kühlschrank schummelt. Gut, dass Mikrowellen-Popcorn hier als akzeptabel gilt und auch von unserer sehr süßen bald dreijährigen ‚Gastnichte‘ vernascht werden darf, wenn der Fernseher einmal ausbleibt, weil es draußen gewittert und der Regen spannender ist als Peppa Pig.

Im Gegenzug habe ich mir aber schon einmal Laufschuhe zugelegt und ein erstes Mal in meinem Leben ein Laufband erklommen; da ich am Laufen vor allem nicht ausstehen kann, dass man irgendwo hingelangt, von wo man dann auch wieder den ganzen Weg zurückkommen muss, ist die tread mill für mich eine durchaus brauchbare Alternative… — In der Garage ist unterdessen auf Wunsch unserer Gastmutter und durch Jans tatkräftige Hilfe das häusliche ‘Fitness Studio’ entstanden – inkl. Boxbirne, Sandsack, Trainingsfahrrad, weight bench u.v.m. Das wird hier nichts mit lazy American lifestyle. Und natürlich gibt es eine App dazu.