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Es ist soweit: Wir sind zuhause!

Allerdings nicht in Deutschland – dort haben wir ja jeweils “nur” unser Elternhaus. Nein, wir haben in Amerika ein neues, richtiges Zuhause: ein kleines Apartment mit Schlafzimmer, Bad und Wohnzimmer mit Küchenzeile. (Und nicht zu vergessen: Platz für Freunde; ein Gästebett steht bereit!)

Von Bekannten und Freunden aus der Gemeinde bekommen wir vieles geliehen oder geschenkt, was wir für unseren selbständigen Alltag brauchen (von Auflaufformen über Handtücher bis zu Vorhängen) – und sogar Dinge, die wir noch nicht einmal in Deutschland hatten (z.B. eine xbox).

Investieren ‘mussten’ (wollten) wir nur in ein eigenes Bett mit neuer Matratze – und in ein wenig Dekoration. – Unser Leitspruch: Jeden Tag ein bisschen schöner.

Nach einem halben Jahr zu zweit auf wenigen Quadratmetern und einigen emotional turbulenten und stressigen Wochen mit 5 mal Koffer packen, 2 Gastfamilien und 2 Hotels später sind wir nun angekommen. Ein letztes Mal Koffer auspacken. Das tat gut!

Jetzt haben wir einen Rückzugsort, den wir beide als eher introvertierte Persönlichkeiten gut gebrauchen können. Außerdem ist es echt herausfordernd, als noch nicht allzu lange verheiratetes, aber schon länger selbständiges Paar mit anderen Leuten zusammenzuwohnen – gerade dann, wenn National- und Familienkulturen so sehr mit hineinspielen.

Das habe ich im letzten halben Jahr so richtig verstanden:

Kultur ist, wie du deinen Alltag lebst.

Bei Pais bringen wir unseren Freiwilligen am Anfang ihres Einsatzes bei, dass Kulturen wie Eisberge aussehen: 1/8 ist oberflächlich, offensichtlich, leicht zu erkennen und leicht zu ‘verzeihen’ – man kann da ja gut auf Abstand bleiben.

(Ich würde sagen, dass hier die Nationalkultur reinfällt. Bei 330 bzw. 81 Millionen Menschen kann man sich vorstellen, dass es sich eher um oberflächliche Sachen handelt – um den ‘kleinsten gemeinsamen Nenner’, auf denen sich die meisten einigen können. Und nicht mal die treffen ohne Ausnahme zu; es gibt eben nicht ‘den Amerikaner’ oder ‘die Deutsche’.)

Der dicke Brocken von ‘Kultur’ aber liegt unter der Oberfläche: die 7/8 sind der Teil, der aneinander reibt und schabt und so richtig ‘Schaden anrichten’ kann in Beziehungen. Das ist dort, wo sich die grundlegenden Werte widersprechen, die letztlich auch einen Teil dessen ausmachen, wer wir sind. (Ich würde das ‘Familienkultur’ nennen – oder ‘Individualkultur’. Das ist das, worüber sich selbst ‘die’ Amerikaner streiten. Wo jeder andere Vorstellungen hat. Werte sind individuell verschieden. Nicht nur über Ländergrenzen hinweg, sondern über Türschwellen.)

Während ich also z.B. 8 Stunden ungestört von Zuhause arbeiten will (das entspricht meinen Werten von ‘sinnvoller Arbeit’, ‘Disziplin’, ‘Privatsphäre’ usw.), möchte unsere Gastoma, dass ich andächtig einer Zusammenfassung jedes ihrer täglichen zwanzig Telefongespräche lausche und alle 3 älteren Ehepaare oder Nachbarn kennenlerne, die täglich vorbeischauen (was ihren Werten ‘gute Nachbarschaft’, ‘Freundlichkeit’, ‘Gastfreundschaft’ usw. entspricht). – Das ist ein harmloses Beispiel, was aber trotzdem ansatzweise zeigt, wie unterschiedliche Vorstellungen vom Leben im Alltag konfliktreich aufeinandertreffen können.

Kultur ist eine Überlebensstrategie, die historisch begriffen werden muss. Wenn wir uns offen über Geschichte und Werte unterhalten können (was Selbstreflexion voraussetzt!), entwickeln wir Empathie und werden für Kompromisse bereit.

Der Schlüssel: offene Kommunikation (aber das ist auch nicht so einfach, wenn unverblümte Norddeutsche auf freundlich-indirekte Amerikaner treffen!).